Nachhaltigkeit in der Süßwarenindustrie: Von der Rübe bis zur CO₂-neutralen Produktion
Nachhaltige Rohstoffe: Die Ökobilanz von Rüben- und Rohrzucker
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt gesunden Erwachsenen maximal 50 Gramm Zucker pro Tag. Doch wie nachhaltig ist der produzierte Zucker? Die Herkunft entscheidet maßgeblich über die Umweltbilanz. Während Deutschland seinen Zucker primär aus regionalen Zuckerrüben gewinnt, stammt der Großteil des weltweit produzierten Zuckers – jährlich rund 175 Millionen Tonnen – aus Zuckerrohr, vornehmlich angebaut auf der Südhalbkugel.
Wasserverbrauch und Landnutzung im Vergleich
Der ökologische Fußabdruck der beiden Pflanzen unterscheidet sich erheblich. Für ein Kilogramm raffinierten Rohrzuckers werden 1.500 Liter Wasser benötigt, da das Zuckerrohr zwar pro Kilogramm Pflanze 175 Liter verbraucht, aber nur elf Prozent Zucker enthält. Zuckerrüben hingegen benötigen lediglich 335 Liter Wasser pro Kilogramm Zucker, da sie zu 75 Prozent aus Wasser bestehen und der Großteil der Flüssigkeit aus der Pflanze selbst stammt.
Auch bei der Landnutzung zeigen sich Vorteile für die Rübe: Sie gedeiht alle vier bis sechs Jahre auf denselben Flächen. Zuckerrohr hingegen entzieht dem Boden nach zwei bis drei Anbauzyklen die Nährstoffe, was in Ländern wie Brasilien zur Rodung von Regenwald für neue Anbaugebiete führt.
Transportwege und CO₂-Emissionen
Zucker aus heimischen Rüben legt signifikant kürzere Transportwege zurück als importierter Rohrzucker, was den CO₂-Fußabdruck deutlich reduziert. Zudem wurde der spezifische Energiebedarf bei der Rübenverarbeitung seit 1990 um mehr als 50 Prozent gesenkt. Bei der Verarbeitung werden nahezu 100 Prozent der Zuckerrübe verwertet, während 99 Prozent der Rübenblätter kleingehäckselt als natürlicher Dünger auf dem Feld verbleiben.
Zertifizierte Nachhaltigkeit und Verpackung
Für verbrauchsnahe Orientierung sorgen Zertifikate wie Fair Trade, Bonsucro und Bio. Der österreichische Hersteller Wiener Zucker setzt seit 2019 sukzessive auf FSC-zertifizierte Verpackungsmaterialien und verzichtet dabei auf Aluminium. Das Unternehmen trägt das Kontrollzeichen „Ohne Gentechnik hergestellt“ und bietet Bio-Zucker aus ökologischem Anbau, der strengen Kontrollen unterliegt.
Energieeffizienz und Dekarbonisierung in der Produktion
Die Süßwarenherstellung gilt als energieintensiv, besonders bei Trocknungs-, Kühl- und Pasteurisierungsprozessen. Die Branche setzt daher auf Dekarbonisierungsstrategien und effiziente Technologien, um den Energiebedarf zu reduzieren.
Wärmepumpen und Niedrigtemperatur-Trocknung
Ein herausragendes Beispiel ist das DryFiciency-Projekt bei AGRANA, wo geschlossene Kreislauf-Kompressionswärmepumpen Temperaturen bis zu 160 °C erreichen und Abwärme effizient nutzen. Seit 2012 betreibt das Unternehmen zudem Niedrigtemperatur-Trocknungsanlagen für Rübenschnitzel, die durch die Nutzung von Abwärme aus vorgelagerten Produktionsschritten den Energieaufwand um rund 50 Prozent senken und jährlich fast 20 Prozent CO₂-Emissionen einsparen.
AGRANA verfolgt ambitionierte Ziele: Bis 2025 sollen 25 Prozent weniger CO₂-Emissionen als im Basisjahr 2019/20 ausgestoßen werden, der Energieverbrauch soll auf unter 1.000 kWh pro Tonne Zucker sinken, und ab 2025 sollen keine Zuckerfabriken mehr mit Kohle betrieben werden. Langfristig strebt das Unternehmen bis 2040 eine komplett CO₂-neutrale Produktion an.
Präzisionstechnik reduziert Abfall und Verbrauch
Moderne Wägetechnologien tragen erheblich zur Nachhaltigkeit bei. Präzise Mehrkopfwaagen reduzieren Produktverluste durch Überfüllung um bis zu 20 Prozent, wie das Beispiel Ritter Sport zeigt. Die aktuelle CCW-AS-Serie verbraucht durch optimierte Motorsteuerungen 20 Prozent weniger Energie als Vorgängermodelle, während intelligente Fabriksysteme wie Sentinel 5.0 die Effizienz um 15 Prozent steigern.
Laut Euromonitor bevorzugen 80 Prozent der Verbraucher in Großbritannien und Deutschland Marken mit starkem Nachhaltigkeitsengagement, wobei 77 Prozent bereit sind, mehr für nachhaltig erzeugte Süßwaren zu zahlen.
Energieeffiziente Maschinentechnik
Hersteller setzen auf energieeffiziente Süßwarenmaschinen mit verbesserter Isolierung, effizienten Motoren und intelligenten Steuerungssystemen. Diese optimieren nicht nur den Energieverbrauch, sondern erhöhen auch die Produktionsgeschwindigkeit und -genauigkeit, was zu weniger Ausschuss führt. Entfeuchtungssysteme von Munters regulieren die Luftfeuchtigkeit bei der Schokoladenherstellung präzise, was Energiekosten senkt und die Produktqualität sicherstellt.
Transparenz und Auszeichnungen: Marken als Vorbilder
Verbraucher finden zunehmend Orientierung an Zertifizierungen und Preisen, die nachhaltige Geschäftsmodelle würdigen und faire Lieferketten sicherstellen.
Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2025
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zeichnet jährlich Vorreiter der Branche aus. 2025 gewann PERÚ PURO in der Kategorie Back- und Süßwaren für fairen Bio-Kakao aus transparenten Lieferketten. Weitere nominierte Unternehmen waren die Bohlsener Mühle mit 100-prozentig Bio-Sortiment und energieautarker Verarbeitung sowie Tony's Chocolonely, das sich gegen moderne Sklaverei und für existenzsichernde Einkommen in der Kakaobranche einsetzt.
Systemische Ansätze über die Wertschöpfungskette
Neben branchenspezifischen Auszeichnungen etablieren sich Rahmenwerke wie das Mont Blanc Projekt zur Effizienzsteigerung und das Farmer Self Assessment zur Erhebung nachhaltiger landwirtschaftlicher Praxis. Energiemanagement nach ISO 50001 und Social Audits (SMETA) an Produktionsstandorten ergänzen die ökologischen Maßnahmen. Die Kombination aus effizienter Rohstoffnutzung, innovativen Produktionstechnologien und transparenten Zertifizierungen zeigt, dass die Süßwarenindustrie ihren Beitrag zur nachhaltigen Transformation leisten kann – von der Rübe bis zur fertigen Packung.